Carlolinum Osnabrück
17.03.2021

Zum Tod von Oberstudiendirektor Helmut Brandebusemeyer, ehemaliger Schulleiter des Carolinums (2003-2021)

„Wie kann das sein, daß diese nahen Tage/ Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?“

Nur sechs Wochen nach seiner Pensionierung starb Helmut Brandebusemeyer, der ehemalige Schulleiter des Carolinums, an seinem Krebsleiden, gegen das er lange, tapfer und unbeugsam, jedoch nie verbittert, gekämpft hat. Die schnelle zeitliche Folge der beiden Ereignisse erschüttert – und zeigt eindrucksvoll, wie sehr er seiner Schule bis zum letzten Augenblick verbunden war und verbunden sein wollte. Für Helmut Brandebusemeyer war die Schule, war die Begegnung mit Schülern, Eltern und Kollegen unverkennbar ein Lebenselixier. Er liebte seine Arbeit – und es war beileibe keine unglückliche Liebe! In einer seiner letzten E-Mails ans Kollegium beschrieb er seine Tätigkeit als Schulleiter am Carolinum als einen „Traumberuf“. Man sah ihm die leidenschaftliche Freude an seiner Arbeit an – und man merkte sie auch an all dem, was er eher leise, zu unaufhörlicher Arbeit fähig, für die Schule in fast 18 Jahren erreicht hat. Herausforderungen, pädagogische Probleme und Schwierigkeiten aller Art schienen ihm fast willkommen zu sein, eröffneten sie ihm doch die Möglichkeit, das eigene Ingenium und das seines Kollegiums, das größtenteils unter seiner Ägide eingestellt worden war und dem er stets eine hohe Wertschätzung und unbedingtes Vertrauen entgegenbrachte, zu erproben.

Es mag auch seine heimliche Liebe zur Politik und sein großes diplomatisches Geschick gewesen sein, die es ihm ermöglichten, gleich zwei entscheidende Bauprojekte, die das Erscheinungsbild des Carolinums maßgeblich verändert haben und deren Verwirklichung zunächst aussichtslos erschien, am Carolinum während seiner Amtszeit zu initiieren und zu vollenden: So machte es die Veränderung des Carolinums zu einer offenen Ganztagsschule notwendig, die bestehende, viel zu kleine Cafeteria zu erweitern. Da der Schulträger damals nicht über die finanziellen Ressourcen verfügte, am Schulstandort Carolinum eine Cafeteria zu errichten, warb die Schule unter seiner Federführung erhebliche finanzielle Mittel ein, die es erlaubten, die heutige Cafeteria zu bauen. Dabei fungierte der Förderverein des Carolinums als Bauträger und Helmut Brandebusemeyer als Bauherr – eine eher ungewöhnliche Stellenbeschreibung für einen Schulleiter. Mit vergleichbarer Beharrlichkeit wurde auch der Neubau einer neuen Sporthalle forciert, von deren wettkampftauglicher Gestaltung auch angrenzende Schulen profitieren. In programmatischer Hinsicht zeigte sich Helmut Brandebusemeyer offen für neue Bedürfnisse und Erfordernisse, ohne je vorschnell einem vermeintlichen Zeitgeist Genüge tun zu wollen. So wurde bei anhaltend großer Wertschätzung des Französischen und Lateinischen unter seiner Ägide Spanisch als zweite Fremdsprache eingeführt, was dem Carolinum unter den Gymnasien der Stadt ein Alleinstellungsmerkmal sicherte, das auf begeisterte Aufnahme bei Schülern und Eltern stieß. Auch wurde das Fach „Werte und Normen“ im Sinne gelebter Toleranz schon ab der Unterstufe als alternatives Angebot etabliert, schließlich Philosophie auch als Abiturfach eingeführt. Von besonderer Hellsicht aber sollte sich die Umsicht erweisen, mit der Helmut Brandebusemeyer dafür Sorge trug, die Digitalisierung der Schule weit über das übliche Maß hinaus mit der Unterstützung der Veenker-Siftung voranzutreiben, so dass das Carolinum heute nicht nur über ein schnelles Glasfasernetz verfügt, sondern in Kürze sogar sämtliche Unterrichtsräume mit einem großen Display ausgestattet sein werden, wodurch vielfältige Unterrichtsformen in Präsenz und Distanz möglich werden.

Über all diese technischen, baulichen und programmatischen Neuerungen hinaus war Helmut Brandebusemeyer ein klares Bekenntnis zu gymnasialer Bildung ebenso wichtig wie ein soziales Miteinander in einer Kultur gegenseitiger Achtung und Wertschätzung. Es ging ihm ganz entscheidend darum, den ihm anvertrauten Schülern vielfältige Bildungschancen zu eröffnen, Entwicklung zu ermöglichen, sie Freude an der merklichen Entfaltung eigener Fähigkeiten erfahren zu lassen. Dabei war es ihm stets wichtig, die Schüler nicht nur nach Kräften zu fördern, sondern sie auch zu fordern. Erziehung zur Mündigkeit, Erziehung überhaupt war ihm keine altmodische Idee. Und nicht von ungefähr liebte und suchte er das Gespräch, und, wenn es sein musste, auch die Auseinandersetzung, – wobei er – prinzipiell unverhohlen neugierig auf die Gedanken seines Gegenübers – der Kraft des besseren Arguments vertraute, aber es auch liebte, Differenzen im gemeinsamen Lachen aufzulösen.

Die Freude an der Erfüllung seiner Arbeit war, über seine Kräfte hinaus, bis zuletzt spürbar. Dass es coronabedingt am Tag seiner Pensionierung keine große Abschiedsfeier geben konnte, nahm Helmut Brandebusemeyer gelassen und verwies auf den Sommer. Wir jedoch dürfen, dankbar und traurig, die Unmöglichkeit eines letztgültigen Abschieds symbolisch nehmen, denn wir wissen, dass Helmut Brandebusemeyer uns bleibt: „Es ist, so lang wir wissen, daß es war/ […] Was einmal war, das lebt auch ewig fort.“  

(Zitate von Hugo von Hofmannsthal)

Mirjam Reischert, stellvertretend für die Schulgemeinschaft des Gymnasium Carolinum Osnabrück