Carlolinum Osnabrück
18.08.2019

Dieses Mal: Mozart pur

„Wusstest Du, dass der Osnabrücker Dom so groß ist?“, flüstert eine Carolingerin im Sopran ihrer Nachbarin zu. Beide stehen während der Generalprobe am Freitagabend mitten im großen Chor, der sich aus Carolinum Cantat und der Schola Caro Cantat sowie aus dem Schulchor und dem Kammerchor der Graf-Anton-Günther-Schule in Oldenburg gebildet hat,

auf den Altarstufen des Domes und nehmen zum ersten Mal in ihrem Leben das Mittelschiff in seiner ganzen Respekt einflößenden Größe aus dieser Perspektive wahr.

„Und wie viele Zuhörer werden wir morgen Abend wohl haben? Wird der Dom gut gefüllt sein, oder müssen wir vor halbleerer Kirche singen?“, flüstert ihre Nachbarin zurück.

Die Sorgen der beiden Mädchen waren gegenstandslos; denn am Samstagabend zum Konzert ist das Mittelschiff des Doms ganz besetzt, und auch in den Seitenschiffen findet sich noch eine große Zahl von Zuhörern, obwohl es an diesem Abend in Osnabrück viele Gelegenheiten gibt, sich musikalisch verwöhnen zu lassen.

Mozart pur stand auf dem Programm; zunächst das „Laudate Dominum omnes gentes“ aus den „Vesperae solennes de confessore“, mit dem die Dirigentin Jutta Albrecht-Laaff Chor und Solistin in bewegender Schlichtheit zusammen band, ohne je in Rührseligkeit zu verfallen.

Dann das „Exultate, iubilate“, dessen schöne Koloraturen klar und überzeugend durch den spätromanischen Kirchenraum klangen

Das „Ave verum corpus…“, ebenfalls dirigiert von Jutta Albrecht-Laaff, ein musikalischer Ohrwurm, aber gerade deswegen höchst empfindlich für die Aufführungspraxis, hier dargeboten in äußerster Schlichtheit, ohne jeden Pomp, aber in großer Präzision, gestaltet lediglich durch eine sinnvolle Piano-Forte-Variation.

Und dann schließlich unter der Stabführung von Oliver Dierks Mozarts große Messe KV 427, die zu Unrecht unter dem Titel „c-Moll-Messe“ läuft; denn nur das anfängliche Kyrie steht in c-Moll, dann wechselt Mozart munter durch die Tonarten, die aber immer aufeinander bezogen sind und sich auch als Wort-Ton-Beziehung verstehen lassen. Die Musikwissenschaft ist sich nicht einig, weshalb Mozart diese Messe (wie das sehr viel bekanntere Requiem) nicht vollendet hat: Das Credo bricht nach dem „et incarnatus est“ ab, und neben einigen nicht ganz auskomponierten Teilen ist das Agnus Dei gar nicht

vorhanden.

Dennoch wird diese Messe Mozarts an Tiefe und Wucht von keiner anderen übertroffen; Beispiele dafür sind das eindringliche achtstimmige „Qui tollis peccata mundi“, das vom Chor mit ebensolcher Eindringlichkeit dargeboten wurde; die an Bachsche Kompositionskunst erinnernde großartige Fuge „Cum sancto spiritu“, bei der der Chor zeigte, was er sich in langen Proben an durchhöriger Chorqualität erarbeitet hat; das herzbewegende „Et incarnatus est de spiritu sancto“, von der Sopranistin ebenso bewegend gesungen und

von der Kammer Sinfonie Bremen ausdrucksstark und zurückhaltend begleitet.

Dem Dirigenten Oliver Dierks gelang es, die große Zahl der Mitwirkenden zu einem einheitlichen Klangkörper zu verschmelzen und die Mozartsche Komposition vom ersten bis zum letzten Ton zu einem großen Ganzen zusammenzufassen.

Langanhaltender Beifall am Ende eines großen Mozartabends.

Zurück zu unseren beiden Schülerinnen: „Schade, dass es schon zu Ende ist.“ Und: „Diesen Abend werden wir nicht vergessen.“